Rückblick
16. Bad Nenndorfer Therapietag (12.11.2011) in der Wandelhalle Bad Nenndorf
Stimme & Emotion - Therapie und Unterricht im Gegenstandsfeld Stimme
Videos (von Lukas Thorsson)
Die Tagungsleitung und damit die Organisation des diesjährigen 16. Bad Nenndorfer Therapietages hatte erneut Jens Kramer.
Hilfreiche Unterstützung war in besonderem Maße die Studienleitung Marie-Luise Waubert de Puiseau.
Musikalisch wurden die Teilnehmer/innen mit Stücken von Helena Bickel (Gesang) und Heike Lindemann (Klavier) eingestimmt.

Im Namen der Schulleitung sprach Torsten Lindner die begrüßenden Worte.


Mit Prof. Dr. Johan Sundberg (Stockholm / Schweden) referierte zum 16. Bad Nenndorfer Therapietag des CJD Instituts Schlaffhorst-Andersen ein Fachmann zu diesem Themenkomplex vor 380 Atem-, Sprech- und Stimmlehrern, akademischen Sprachtherapeuten, Logopäden und Gesangspädagogen.
In seinem sehr anregenden Einführungs-Vortrag beschäftigte sich Johan Sundberg mit dem Thema der "Sängeratmung". Der Vortrag gab einen Überblick über Physiologie der Atmung und Untersuchungen der Atmung beim Singen. Das Verhalten der Atmung ist beim Sprechen und Singen ganz verschieden. Beim Sprechen gilt es hauptsächlich den subglottischen Druck für Sprechlautstärke zu erzeugen, vielleicht mit kleinen Variationen in der Prosodie (und Dynamik). Beim Singen müssen subglottische Druckvariationen produziert werden sowohl für die Variationen in der Stimmstärke als auch in Anpassung an die Tonhöhe. Das bedeutet, dass Sänger immer bereit sein müssen den kommenden Ton mit einem anderen und exakt passenden subglottischen Druck zu produzieren. Da unterschiedliche Atmungsstrategien verschiedene Effekte auf die Stimmgebung haben können sind diese für Sänger von großer Bedeutung.


In der ersten Seminarphase ging es darum das Thema "Stimme & Emotion" aus verschiedenen Perspektiven zu vertiefen. In erster Linie waren hier Dozentinnen des Konzeptes Schlaffhorst-Andersen aktiv.
Das Seminar 1 wurde von Dorothea Gädeke vom Institut für Musikermedizin aus Freiburg angeboten und hatte den Titel: "Stimme und Emotion in Bezug auf Textarbeit".
In der Ausbildung von Sprech- und Sprecherstimmen und in der therapeutischen Arbeit mit Sprechprofis und Laien spielt die Auswahl der Arbeitstexte eine wichtige Rolle.
Texte können starke Atmosphären hervorrufen. Der
richtige Text zum richtigen Zeitpunkt kann inspirieren, vielfältige komplexe
Funktionen anbahnen, den inneren und äußeren Raum erweitern und die Liebe und
individuelle Beziehung zum gesprochenen Wort erwecken und vertiefen. Emotionen werden sozusagen
„nebenbei“ und natürlich mit einbezogen. Das Erforschen von manifesten oder
verdeckten klanglich/rhythmischen Aspekten in Prosa und Lyrik eröffnet die enge
Verbindung von musizieren und sprechen.




Das Seminar 2 hat Dietlind Jacobi aus Berlin zum Thema: "Stimmklang entwickeln - Schlaffhorst-Andersen in Unterricht und Therapie" gehalten.
Um eine funktionstüchtige und klangreiche Stimme (wieder)herzustellen, benutzt das Konzept Schlaffhorst-Andersen u.a. die Wechselwirkung von Atmung, Stimme, Sprechen und Bewegung. Das Seminar hat Grundgedanken von Clara Schlaffhorst zur Entfaltung einer "schwingungsfähigen", klangreichen Stimme vermittelt.
Die von ihr entwickelten Stimmübungen unter Einbeziehung der dazugehörigen Vorstellungsbilder (wie z.B. die Spirale) wurden erprobt. Im Vordergrund stand, wie innere Bewegtheit in Atmung und Stimme sich sowohl auf die Befindlichkeit, wie auch auf die künstlerische Gestaltung auswirken kann.

Das Seminar
3 wurde von Beate Josten durchgeführt. "Stimme
ist immer gleichzeitig Ausdruck und Wirkung" lautete der Titel.
Über den Stimmklang drückt man schneller, als
es einem oft selbst bewusst ist, seine Stimmung aus. Und diese Stimmung wirkt
unmittelbar auf andere. Durch seine Stimme kann man animieren, lähmen,
verängstigen oder verliebt machen. Bewusst oder unbewusst.
Je größer die emotionale Bandbreite ist, desto größer ist auch die stimmliche Ausdruckskraft - und umgekehrt. In dem praktischen Vortrag ging es darum, dass dieser Zusammenhang von Stimme und Emotionen mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden sollte und wie dieser Zusammenhang therapeutisch und pädagogisch bearbeitet werden kann.



In Seminar 4 beschäftigte Julia Toubekis-Baumgardt mit der Möglichkeit, wie die Methode Schlaffhorst-Andersen den Rock- und Popgesang bereichern kann.
Auf die Frage hin, ob denn Rock-Pop-Gesang und die Methode Schlaffhorst-Andersen überhaupt kompatibel seien, hat dieser theoretisch-praktische Workshop eine eindeutige Antwort gegeben: "Ja!"
Und dennoch ist die Arbeit in den Genres Rock, Pop & Soul ein Grenzgang für jeden Stimmlehrer, der Wert auf eine physiologisch gesunde Funktion der Atem- und Stimmorgane legt.
Wie dieser Grenzgang aussehen kann, wurde in diesem Seminar gehört, ausprobiert und erlebz. Dabei kamen die Juwelen zum Vorschein, die die Methode Schlaffhorst-Andersen für diese Arbeit birgt.




Das Seminar 5 hat Prof. Dr. Ulla Beushausen von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim mit dem Titel "Therapie kindlicher Stimmstörungen" angeboten.
Immer häufiger begegnen Sprachtherapeutinnen Kindern mit Stimmstörungen in ihrer Praxis. Stimmstörungen bei Kindern haben entscheidenden Einfluss auf das Selbstbild des Kindes bis hin zu seiner späteren Berufswahl. Eine frühzeitige Behandlung dieser Kinder ist darum nicht nur notwendig, sondern auch erfolgversprechend.
Im Seminar wurden Kenntnisse über die Entstehung und Aufrechterhaltung kindlicher Stimmstörungen anhand eines anschaulichen Modells vermittelt. Die Arbeit mit diesem Verursachungsmodell wird erklärt. Aus logopädisch-phoniatrischer Zusammenarbeit ist eine Therapieform kindlicher Stimmstörungen entstanden, die die Beratung der betroffenen Familie und Kommunikationstraining für das Kind in den Mittelpunkt stellt. Nach diesem Konzept können schon Vorschulkinder stimmtherapeutisch betreut werden. Das Seminar gab einen Einblick in die drei Grundbausteine der Therapie: die Familiengespräche, das Kommunikationstraining und die eigentlichen stimmtherapeutischen Übungen.

Das Seminar 6 hat Dr. Antoni Lang zum Thema: "Emotion und Stimme – Anatomisch-physiologische Hintergründe und ihre Bedeutung für die Stimmtherapie" gehalten.
"Es gibt keine Emotion ohne körperliche Reaktion" (António Damásio).
Diese Aussage des bekannten Neurowissenschaftlers wird besonders erlebbar an
den Reaktionen der Atem- und Stimmmuskulatur. Die Wirkung der Emotionen auf die
Stimme lässt sich auf verschiedenen Ebenen wissenschaftlich erklären. In diesem
Seminar wurden hierfür verantwortliche anatomische und physiologische Systeme
wie Hirnstrukturen, Botenstoffe und Muskelketten vorgestellt und ihre
Funktionsweisen anhand praktischer Beispiele und Übungen veranschaulicht.
Ziel war es, diese Erkenntnisse kreativ in die therapeutische Alltagssituation
zu integrieren und damit bewusst die eigene Handlungskompetenz zu erweitern.




In einem Kurz-Vortrag stellte der Obertonsänger Wolfgang Saus aus Aachen dar, wie man Formanten visuell darstellen und darüber sein Hören schulen kann. Formanten machen aus Klängen Vokale – und machen aus Vokalen Musikinstrumente. Und sie können noch mehr. Richtig verstanden, verhelfen sie der Opernstimme zu Tragfähigkeit und Brillanz, dem Chorklang zu Homogenität und zu reiner Intonation, dem Instrument zu einem guten Klang. Für Obertongesang sind die Formanten das eigentliche Instrument. Obertonsänger entwickeln ein inniges Verhältnis zu ihnen, damit sie zwei Melodien zugleich singen können. Einzelne Teiltöne der Stimme werden durch Bündelung zweier Formanten so verstärkt, dass sie sich deutlich als Melodie vom Stimmklang abheben. Die tongenaue Kontrolle der Formanten ist leicht zu lernen und kann in vielen Gebieten der Stimmausbildung die Arbeit erleichtern.
Das Publikum war begeistert von dieser außerordentlich beeindruckenden Präsentation.


Der Tag wurde abgerundet vom Vortrag von Herrn Prof. Dr. Bernhard Richter vom Freiburger Institut für Musikermedizin. Er beschäftigte sich mit dem Thema: "Diagnostik bei Stimmstörungen - Was ist möglich, was ist sinnvoll?"
Die Diagnostik der Stimmfunktion stellt eine sehr komplexe und
multidimensionale Aufgabe dar. Es müssen methodisch sehr unterschiedliche
Verfahren wie die Visualisierung der Stimmlippenschwingungen, die auditive und
akustische Klang- und Schallanalyse sowie die Selbstbeurteilung des Patienten
zu einer Gesamteinschätzung zusammengefasst werden. Zudem sollten bei Sängern
spezifische Fähigkeiten erfasst werden, die im Grenzbereich zwischen
wissenschaftlicher Abbildbarkeit und subjektiv künstlerischer Einschätzung
angesiedelt sind.
Es zeigte sich, dass die Parameter höchste Frequenz, leisester
Phonationsschalldruckpegel und Jitter – unter Hinzuziehung der Tonhaltedauer –
eine reliable Einschätzung des Schweregrades einer Stimmstörung im
Dysphonia-Severity-Index (DSI) ermöglichen. Die Anwendung des DSI zeigt sich
sowohl bei Patienten mit funktionellen Dysphonien, die eine übende
Stimmtherapie erhalten haben, als auch bei Patienten, die phonochirurgisch
behandelt wurden, für die Verlaufskontrolle geeignet.
Mit einer Reihe von Beispielen u.a. bildgebender Verfahren wurde der Inhalt außerordentlich anschaulich dargestellt.




Damit endete ein, durch das CJD Institut Schlaffhorst-Andersen organisierter gelungener Tag der praktischen wie theoretischen Auseinandersetzung mit diversen Inhalten zum Themenkomplex "Stimme & Emotion - Therapie und Unterricht im Gegenstandsfeld Stimme".
Eindrücke vom 16. Bad Nenndorfer Therapietag:
Für eine gelungene Rundumversorgung in den Pausen war das Küchenteam um Frau Kramer und ein Catering-Service verantwortlich.


Beim Essen in den Pausen, aber auch in den Workshops gab es diverse Möglichkeiten sich mit alten Bekannten und KollegInnen zu treffen und sich auszutauschen.
Mit 380 TeilnehmerInnen war die Veranstaltung auch dieses Mal so groß, dass sie erneut in die Wandelhalle von Bad Nenndorf stattfinden konnte.
Es gab eine Vielzahl an Ausstellern aus dem gesamten Bundesgebiet, bei denen die Teilnehmer sich informieren bzw. ihre Fachliteratur und Therapiespiele ergänzen konnten.
Bereits zum vierten Mal war die Fach-Buchhandlung Diana Künne aus Wegberg (Rheinland) mit einem ansprechenden und gut ausgewählten Fundus an Literatur zum Themenfeld des Therapietages gekommen. Nähere Informationen unter www.dianakuenne.de

Wie auch in den vergangenen Jahren war wieder die Firma PROLOG mit einem Stand für Literatur- und Spielmaterial vor Ort. Viele Fachleute informierten sich über aktuelle Methoden zur Förderung und erweiterten ihre heimischen Praxisbestände. Nähere Informationen unter www.prolog-shop.de

Der software-Anbieter sygyt war erstmalig mit einem Stand vertreten. Hier konnten Interessierte sich das Verfahren, das im Vortrag von Wolfgang Saus benutzt wurde näher erläutern lassen und ausprobieren. Nähere Informationen unter www.sygyt.com

Der Freundeskreis der CJD Schule Schlaffhorst-Andersen war ebenfalls zum wiederholten Male bei unserer Fachtagung. Hier konnten sich die Interessierten über aktuelle Entwicklungen im Freundeskreis informieren und auch Literatur erwerben, Nähere Informationen unter: www.schlaffhorst-andersen.net
Auch der dba (Deutscher Bundesverband der Atem-, Sprech- und Stimmlehrer/innen) war mit mehreren Vertreter/innen anwesend. Hier konnten die vielen anwesenden Atem-, Sprech- und Stimmlehrerinnen Kontakte mit ihrem Berufsverband pflegen. Nähere Informationen unter www.dba-ev.de
Wie bereits üblich konnte Literatur und weitere Medien der CJD Schule Schlaffhorst Andersen, im Tagungsbüro zu verschiedenen Arbeitsfeldern erworben werden.






Das BNTT-Team 2011:
Das diesjährige Therapietag-Team hat in ganz besonderem Maße dazu beigetragen, dass der Tag für die TeilnehmerInnen so gut gelingen konnte. Alle haben außerordentlich umsichtig und vorausschauend gearbeitet und sind somit in besonderem Maße verantwortlich für die gute Atmosphäre. Die diesjährigen Assistentinnen waren Judith Adomeit (Tagungsbüro), Julia Lukaschyk, Steffen Hermann (Technik), Ami Pape (Film), Amely Heim (Film), Sarah Nietsch, Hanna Rebekka Weber, Doro Wolfsberger, Sally McKinney, Lea Bluhm, Katharina Reupke, Danielle Beau, Jana Kiesler, Eyleen Heise und Julika Olshausen.


Ein Videotrailer und mehrere
Experteninterviews wurden von Lukas Thorsson produziert. Die
vielen schönen Fotos hat dieses Jahr Holger Lamm erstellt.
Vielen Dank allen HelferInnen, die zum Gelingen dieses erfolgreichen Tages beigetragen haben, und den TeilnehmerInnen für das außergewöhnlich gute Feedback.
Ein besonderer Dank geht an Dorle Meyer, Marianne Leschik und Irmhild Heiligentag, die für die reibungslose Organisation im Vorfeld gesorgt haben.
Der folgende (17.) Bad Nenndorfer Therapietag wird am 17. November 2012 von 10.00-18.30 Uhr erneut in der Wandelhalle von Bad Nenndorf stattfinden.
Der Titel der Tagung lautet: "Wenn morgen aus Heute Gestern wird" - Therapie im Bereich semantisch-lexikalischer und kommunikativ-pragmatischer Sprachstörungen. Mit Prof. Dr. Dorothee Gutknecht aus Freiburg, Prof. Dr. Bernd Hansen und Prof. Dr. Hildegard Heidtmann aus Flensburg sowie Dr. Wilma Schönauer- Schneider aus München werden erneut hochkarätige Referentinnen und Referenten erwartet.
Dipl. Päd. Jens Kramer, Bad Nenndorf
Tagungsleitung
Presseartikel (Schaumburger Nachrichten vom 15.11.2011)








